Banbu-Gipfel ‒ Halber-Schritt-Gipfel. Wie der Name schon sagt, war der Gipfel nur wenige Quadratzentimeter groß, um darauf stehen zu können: ein halber Schritt nach vorne führte zu einer majestätischen, Tausende Meter hohen Klippe. Oben ragten gezackte Steine in den Himmel und gebogene Bäume krochen hervor; unten wirbelten große Nebelschwaden auf und gespenstisches Heulen hallte überall wider. Es war ein tückischer, zerklüfteter Ort, an dem sich Himmel und Erde nicht trafen.
Gegenüber dieser Klippe befindet sich ein weiterer Berggipfel namens Yinghui-
Gipfel. Er war nicht weniger hoch und steil als Banbu ‒ auch sein Hang ragte Tausende
von Metern in die Höhe, als wäre er von einem Messer abgeschnitten worden. Es
schien keinen Halt zu geben, und selbst das spärliche Grün war unter der Erde
verborgen, und die Wurzeln schlängelten sich um die Felsen. Der Anblick reichte
aus, um jeden erschaudern zu lassen und seine Versuche, diesen Gipfel zu
erklimmen, sofort zu bereuen. Und so wurde der Name Yinghui-Gipfel geboren ‒
Gipfel des sicheren Bedauerns.
Zwischen diesen beiden Gipfeln gähnte ein natürlicher Abgrund. Wenn man
von oben herabblickte, schien das Wolkenmeer träge dahinzutreiben, was es
unmöglich machte, die Tiefe der Spalte zu erkennen, und man konnte schwach das
bösartige Dröhnen unaufhörlicher Stromschnellen hören. Die gewöhnlichen
Holzfäller und Jäger wagten es nicht, dort hinaufzuklettern. Selbst Xiantian-Experten, die dort
standen, spürten, wie sich ein Seufzer in ihren Herzen regte und wie sie die
Bedeutungslosigkeit der Menschen gegenüber der Natur beklagten.
Doch unter dem Nebel am Fuß der Klippe, zwischen dem Flusswasser und den
Bergwänden, schlängelte sich ein Steinpfad, der mit unebenem Geröll gepflastert
war. Er war lang, schmal und zerklüftet, und doch gingen in diesem Moment zwei
Männer darauf, einer vorne und der andere hinten.
Während der Fluss tobte und galoppierte, wirbelten von Zeit zu Zeit
Wellen auf und brachen an den nassen, rutschigen Felsen. Wer den Weg
entlangging, wurde leicht durchnässt, wenn nicht durch einen Sturz in den
Fluss, so doch zumindest durch die heftig plätschernden Wellen des Flusses. Aber
wenn sie stattdessen versuchten, sich zurückzulehnen, würden sie auf diese
steile Felswand und ihre scharfen, hervorstehenden Steine stoßen. Kurz gesagt,
der Weg war ein Dilemma, das jeden in einen traurigen Zustand versetzen konnte,
und doch schienen diese beiden Männer gemächlich wie durch einen Hof zu
schlendern, ihre Bewegungen selbstbewusst und anmutig.
„Ich habe gehört, dass Qi, der vollendete Meister des Xuandu-Berges, vor
zwanzig Jahren hier auf dem Banbu-Gipfel den Kriegshelden Nummer eins der Kök-Türken,
Hulugu, besiegt hat. Und dann hat er ihn gezwungen, einen Eid zu schwören, dass
er sich für die nächsten zwanzig Jahre von den Zentralebenen fernhalten wird.
Schade, dass dieser Schüler noch zu jung war, um dem Duell zuzusehen. Der Kampf
muss unvergleichlich prächtig gewesen sein.“
Der junge Mann, der sprach, ging hinter dem anderen her. Ihr Tempo war
weder langsam noch schnell, aber er blieb immer drei Schritte hinter ihm.
Der Mann vor ihm schlenderte in kleinen Schritten, sein Verhalten so
lässig, als würde er wirklich auf ebenem Boden gehen. Die Schritte des jungen
Mannes hinter ihm wurden etwas länger. Für sich allein genommen trug auch der
junge Mann, im Hintergrund, die schwerelose Anmut eines Unsterblichen. Aber
wenn man beide zusammen betrachtete, war es leicht, die feinen Unterschiede
zwischen den beiden zu erkennen.
Yan Wushi lachte spöttisch. „Qi Fengge war es in der Tat wert, die
Nummer eins auf der ganzen Welt genannt zu werden. Hulugu war ein ausländischer
Barbar ‒ er hatte sich selbst überschätzt, und deswegen zur Demütigung
eingeladen und das erhabene Image von Qi Fengge weigerte sich, ihn zu töten.
Also entschied er sich stattdessen dafür, einen Zwanzig-Jahre-Schwur abzulegen.
Abgesehen davon, dass er die Saat für Ärger für die Zukunft des Xuandu Berges
gesät hat, welche Vorteile hat er erhalten?"
Yu Shengyan war neugierig: „Shizun, war Hulugu wirklich ein so großartiger
Kampfkünstler?"
„Wenn ich jetzt gegen ihn kämpfen würde, hätte ich keine Garantie auf
den Sieg."
„War er wirklich so stark?" Yu Shengyan war entsetzt. Natürlich
verstand er, wie tiefgründig die Kampfkünste seines eigenen Meisters waren. Hulugus
Fähigkeiten müssen genauso erschreckend sein, wenn Yan Wushi ihm eine solche
Einschätzung gab. Vielleicht würde er sogar zu den Top drei der Welt zählen.
Yan Wushis Ton war gleichgültig. „Warum sollte ich sonst sagen, dass Qi Fengge
endlose Probleme für seine eigenen Schüler und zukünftige Generationen
hinterlassen hat? Vor zwanzig Jahren war Hulugu Qi Fengge vielleicht etwas
unterlegen, aber in zwanzig Jahren kann eine solche Lücke geschlossen werden.
Und jetzt, da Qi Fengge tot ist, wird der Xuandu-Berg niemals einen zweiten Qi Fengge
finden.“
Yu Shengyan atmete sanft aus. „Ja, der vollendete Meister Qi ist vor
fünf Jahren gestorben."
„Wer ist der derzeitige Anführer des Xuandu-Berges?"
„Ein Schüler von Qi Fengge namens Shen Qiao."
Yan Wushi reagierte kaum auf den Namen. Er war Qi Fengge nur einmal
begegnet, und das war vor fünfundzwanzig Jahren. Damals war Shen Qiao gerade
erst als einer von Qi Fengges persönlichen
Schülern akzeptiert worden.
Es gab keinen Zweifel, dass der Xuandu-Berg als ‘die daoistische Sekte
Nummer Eins der Welt‘ genannt wurde, aber nach der Meinung von Yan Wushi, der
aus zehn Jahren Abgeschiedenheit
hervorgegangen
war, war niemand auf dem Xuandu-Berg würdig, als sein Gegner aufzutreten außer
Qi Fengge.
Leider war Qi Fengge tot.
Yu Shengyan sah das Desinteresse seines Meisters und fügte hinzu: „Ich
habe gehört, dass Hulugus Schüler Kunye, der derzeitige Kampfkünstler Nummer
eins der Kök-Türken und weiser König
der Linken, heute hier auf dem Gipfel des Banbu- Gipfels ist, um Shen Qiao
herauszufordern. Er sagt, dass er die Schande von Hulugus Verlust beseitigen
möchte. Möchte Shizun hingehen und ihn sich ansehen?"
Yan Wushi antwortete weder mit Ja noch mit Nein. „Welche wichtigen
Ereignisse ereigneten sich in den ungefähr zehn Jahren, die ich in
Abgeschiedenheit verbracht habe, außer dem Tod von Qi Fengge?“, fragte er
stattdessen.
Ye Shengyan dachte einen Moment nach. „Kurz nachdem du in die
Abgeschiedenheit eingetreten bist, bestieg der neue Kaiser von Qi, Gao Wei, den
Thron. Aber er ist ein Mann von lüsternem Genuss und grenzenloser Extravaganz.
Es gibt Gerüchte, dass Yuwen Yong, der Kaiser von Zhou, einen Angriff auf Qi
plant ‒ Zhou wird wohl bald den Norden annektieren.”
„In den letzten zehn Jahren hat sich aufgrund des Todes von Qi Fengge
auch die Rangliste der zehn besten Kampfkünstler der Welt verändert. Yi Li
Pichen vom Chunyang-Kloster auf dem Qicheng-Berg, der Zenmeister Xueting von
Zhou und Ruyuan Kehui von der Linchuan-Akademie gelten als die drei besten der
Welt und repräsentieren genau die drei Lehren des Daoismus, Buddhismus und
Konfuzianismus.”
„Aber einige sagen auch, dass der Kosa-Weise der Tuyuhun unter den
ersten drei sein sollte. Es gibt auch noch Hulugu ‒ wenn er in all den Jahren
stärker geworden ist, könnte er das nächste Mal, wenn er die Zentralebene
betritt, um die Nummer eins kämpfen."
Nach dieser Rede sah Yu Shengyan, dass dieser Meister seinen Weg
fortsetzte, und er konnte nicht umhin, hinzuzufügen: „Shizun, das heutige Duell
zwischen Kunye, und Shen Qiao wird sicherlich ein weiterer seltener und
spannender Kampf. Shen Qiao ist ein Einsiedler und er hat noch weniger
gekämpft, seit er die Führung von Xuandus Violettem Palast übernommen hat. Er
rangiert nur wegen des prestigeträchtigen Rufs seines Meisters Qi Fengge unter den
Top zehn. Wenn Shizun das wahre Ausmaß von der Stärke des Xuandu Berges sehen
möchte, darf die heutige Schlacht nicht verpasst werden. Ich kann mir
vorstellen, dass der Gipfel des Yinghui Gipfels bereits voll ist mit
Kampfexperten, die gekommen sind, um zuzuschauen!"
„Hast du gedacht, ich komme heute hierher, um mir den Kampf anzusehen?“
Yan Wushi hielt endlich inne.
Yu Shengyan war etwas nervös. „Was hat Shizun dann vor?"
Er trat mit nur sieben Jahren in die Schülerschaft unter Yan Wushi ein.
Dann, drei Jahre später, hatte Yan Wushi einen Kampf gegen den Großmeister der
dämonischen Sekten, Cui Youwang, verloren. Verletzt begab sich Yan Wushi in die
Abgeschiedenheit ‒ eine Abgeschiedenheit, die ein Jahrzehnt andauerte.
Während dieser Zeit setzte Yu Shengyan sein Training gemäß den
Anweisungen von Yan Wushi fort und reiste auch an viele Orte. Seine
Fortschritte brachten ihn weit über das hinaus, wo er zuvor gewesen war. Er war
vor langer Zeit in die Reihen der erstklassigen Kampfkünstler innerhalb der Jianghu eingetreten. Aber da er seinen Meister
seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, herrschte zwischen ihnen
zwangsläufig ein Gefühl der Entfremdung und des Fremdseins. Darüber hinaus war
Yan Wushis Kampferfahrung, während seiner Abwesenheit nur noch tiefer
gewachsen, und so war die Ehrfurcht in Yu Shengyans Kopf damit einhergegangen.
Und zwar so sehr, dass das übliche kühne und ungehemmte Verhalten, das andere
von ihm kannten, in der Gesellschaft von Shizun zurückhaltend und zögerlich
wurde.
Yan Wushi verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich habe bereits
den Kampf zwischen Qi Fengge und Hulugu gesehen“, sagte er in einem
gleichgültigen Ton. „Shen Qiao und Kunyue sind ihre Schüler, und sie sind noch
jung. Egal wie stark sie sind, sie können das große Spektakel des damaligen
Qi-Hu-Kampfes nicht übertreffen. Ich habe dich wegen der schnell fließenden
Gewässer hierhergebracht und das tückische Terrain, das mit den Energien des
Himmels und den Geistern der Erde verbunden ist, wodurch sich dieser Ort am
besten für Training und Erleuchtung eignet. Während ich in der Abgeschiedenheit
war, hatte ich keine Zeit, mich um dich zu kümmern, aber jetzt, wo ich sie
verlassen habe, kann ich dich nicht herumlungern und auf deinem derzeitigen
Fortschrittsniveau stagnieren lassen. Bis du die fünfte Stufe der Fenling-Schriften
begriffen hast, sollst du hierbleiben."
Yu Shengyan fühlte sich plötzlich ein wenig verletzt. Obwohl er die
letzten zehn Jahre damit verbracht hatte, hierhin und dorthin zu reisen, hatte
er es nicht gewagt, sein Training zu vernachlässigen, nicht einmal für einen
Tag. Jetzt war er erst Anfang zwanzig, hatte aber bereits die vierte Phase der Fengling-Schriften
erreicht. Im Jianghu galt er als einer der wenigen Kampfexperten der
jüngeren Generation, also war er recht zufrieden. Aber jetzt schien es, als
würde sein Shizun darin keine Leistung sehen.
Als würde er die Gefühle seines Schülers spüren, verzog sich Yan Wushis
Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln. „Als ich in deinem Alter war, hatte
ich bereits die sechste Stufe durchbrochen. Worauf bist du stolz? Warum
vergleichst du dich nicht mit mir, anstatt dich mit diesen kleinen Fischen zu
vergleichen?“
Obwohl das Haar an Yan Wushis Schläfen weiß gesprenkelt war, tat es
seinem Charme keinerlei Abbruch. Tatsächlich machte es dieser Schatten eines
Lächelns, es noch schwieriger, die Augen von seinem hübschen Gesicht
abzuwenden.
Seine weiße Robe, lang und locker, flatterte und raschelte im
stürmischen Wind, aber er blieb standhaft und regungslos wie immer. Er stand
einfach da, die Hände auf dem Rücken, aber von ihm ging eine unsichtbare Aura
allumfassender Verachtung aus, die sowohl einschüchternd als auch
niederschmetternd war.
Als Yu Shengyan ihm gegenüberstand, erfasste ihn von vorne ein
erstickender Druck, der ihn zwei Schritte zurück zwang. „Shizun ist ein
himmlisches Talent, wie kann dieser Schüler es wagen, sich mit dir zu
vergleichen?", sagte er ehrfürchtig und ängstlich.
„Begrüße mich mit dem stärksten Angriff, den du dir vorstellen kannst.
Ich möchte sehen, wie weit du im Laufe der Jahre gekommen bist.“
Yu Shengyan war nicht mehr in den Kampfkünsten geprüft worden, seit er
die Abgeschiedenheit verlassen hatte. Der Befehl ließ ihn ein wenig zögern,
aber gleichzeitig juckte es ihn, es zu versuchen. Aber als er die Ungeduld auf
Yan Wushis Gesicht aufblitzen sah, verschwand jede Spur von Zögern.
„Dann vergib bitte die Unhöflichkeit dieses Schülers!" Als die
Worte von seinen Lippen kamen, bewegte sich sein Körper, wie er es wollte, und
seine Ärmel hoben sich. Er bewegte sich zu schnell, um gesehen zu werden, und
war bereits vor Yan Wushi.
Yu Shengyan hob einen Arm und schlug mit den Handflächen nach vorne. Für
einen Außenstehenden scheint es, als stünde hinter dieser Bewegung keine Kraft ‒
wie wenn man in einer Herbstnacht Staub wegwischt ‒luftig und leicht, ohne
einen Hauch von Feuerkraft.
Nur diejenigen, die mitten im Geschehen waren, würden die Macht dieser
Handfläche spüren. In einem meterweiten Radius um ihn herum neigten sich das
Gras und die Bäume, das Flusswasser wurde zurückgehalten, Wellen schwollen an
und Schaum hüpfte, als gewaltige Luftströmungen ausbrachen, und all diese Kraft
strömte auf Yan Wushi zu!
Diese Strömungen waren in der Lage, Flüsse zu unterbrechen und Meere
umzustürzen, doch als sie Yan Wushi erreichten, schienen sie von einer
unsichtbaren Barriere blockiert zu werden. Die rasende Strömung teilte sich in
zwei Teile auf und wich zu beiden Seiten aus.
Er stand immer noch an der gleichen Stelle wie zuvor, völlig unbewegt.
Nur als Yu Shengyans Handfläche vor seinen Augen war, streckte er gleichgültig
einen einzelnen Finger aus.
Nur ein Finger und nicht mehr.
Und mit nur diesem Finger erstarrte Yu Shengyans Angriff mitten in der
Luft.
Yu Shengyan spürte, wie die Winde von seiner Handfläche plötzlich
umkehrten und in einer Gegenströmung auf ihn zu brausten, die um ein Vielfaches
stärker war als seine eigene. Alarmiert nutzte er den Schwung der Strömung und
zog sich hastig zurück.
Mit diesem einen Rückzug taumelte er zehn Schritte zurück.
Erst nachdem er auf einem Felsen Fuß gefasst hatte, sprach er endlich,
immer noch etwas schockiert und zittrig. „Dieser Schüler dankt Shizun für seine
Gnade!"
Yu Shengyan war ziemlich selbstbewusst gewesen, als er seinen
Handflächenschlag benutzte ‒ nur wenige Menschen in der ganzen Jianghu konnten
ihm widerstehen.
Und doch zwang Yan Wushi ihn mit nur einem Finger, seine Handfläche
zurückzuziehen, um sich zu schützen.
Glücklicherweise testete sein Shizun lediglich seinen Fortschritt und
hatte seinen Vorteil nicht genutzt. Wenn es allerdings ein Feind gewesen wäre
...
Yu Shengyan brach bei dem Gedanken der kalte Schweiß aus. Er konnte
nicht anders. Er traute sich nicht mehr so selbstsicher zu sein.
Yan Wushi hatte sein Ziel erreicht. Jetzt, wo er Yu Shengyan geweckt
hatte, machte er sich nicht die Mühe, viel mehr zu sagen. „Vergeude nicht deine
hervorragenden Talente. In ein paar Tagen werde ich ins Kök-Türken-Khagant
reisen. Wenn du hier die fünfte Stufe gemeistert hast, gehe und finden deinen Shixiong, wenn du nichts zu tun hast. Wandere
nicht zu viel herum, während du unterwegs bist."
„Ja“, sagte Yu Shengyan ehrfürchtig.
„Die Landschaft hier ist von der Natur geformt und wird selten besucht“,
sagte Yan Wushi. „Ich möchte eine Reise machen, also brauchst du nicht ..."
Bevor er fertig werden konnte, erklang eine Reihe von Geräuschen aus
kurzer Entfernung über ihm. Dem Geräusch folgend schauten beide nach oben, nur
um zu sehen, wie ein herunterstürzte, als wäre er von hoch oben
heruntergefallen. Er raste Schicht für Schicht durch Äste, bevor er schließlich
an einer Stelle am Fuß der Klippe aufschlug. Sogar Yu Shengyan musste bei dem
gedämpften Aufprall seiner Landung nach Luft schnappen.
Sicherlich würde es sogar einem Xiantian-Experten schwerfallen, einen
Sturz von einem so hohen Berggipfel zu überleben?
Außerdem war dieser Mann sicherlich nicht ohne Grund von der Klippe
gestürzt. Er muss schon vor dem Sturz schwer verletzt worden sein.
„Shizun?" Yu Shengyan wandte sich Hilfe suchend an Yan Wushi.
„Geh rüber und sieh nach“, sagte er.
Die daoistische Robe des Mannes war an vielen Stellen aufgeschlitzt,
wahrscheinlich weil sie bei seinem Sturz an den Ästen und der Felswand
aufgerissen wurde. Sein Fleisch war ein Mosaik aus sich überlagernden
Blutspuren und frischen Wunden, was es schwierig machte, sein Aussehen
überhaupt zu erkennen.
Er hatte bereits das Bewusstsein verloren, unfähig, das Schwert in
seiner Hand zu halten. Als er auf dem Boden aufgeschlagen war, folgte das
Schwert ihm und war in der Nähe gelandet.
„Die Knochen in seinem ganzen Körper sind wahrscheinlich
zerschmettert." Yu Shengyan runzelte die Stirn und musterte ihn eine
Weile, während er mitfühlend mit der Zunge schnalzte. Dann ging er, um seinen
Puls zu prüfen. Dort fiel ihm etwas auf, das ihm wie ein Lebensschimmer vorkam.
Aber selbst, wenn man einen Mann in diesem Zustand retten könnten, wäre
er tot wahrscheinlich besser dran.
Yu Shengyan gehörte schließlich zu einer dämonischen Sekte ‒ er war
vielleicht jung, aber seine Freundlichkeit war begrenzt. Obwohl er also eine
Pille der großen Wiederbelebung zur Hand hatte, hatte er nicht die Absicht, sie
diesem verletzten Mann zu geben.
Es war nur ...
„Shizun, heute ist der Tag des Duells zwischen Shen Qiao und Kunye.
Dieser Mann ist von oben heruntergefallen, wo das Duell stattfindet, könnte er
..."
Yan Wushi kam herüber. Anstatt den Mann anzusehen, hob er das Schwert
auf.
Die Klinge war so kalt wie Herbstwasser und völlig unbeschädigt. Als es
den Fluss und die Nebel reflektierte, schienen subtile Wellen über seine
Oberfläche zu tanzen. In der Nähe des Griffs befanden sich vier kleine Zeichen,
die dort in Siegelschrift eingeritzt
waren.
Yu Shengyan kam herüber, um nachzusehen. „Ah, das Schwert Shanhe Tongbei! Es ist das
Schwert des Sektenanführers von Xuandus-Violettem-Palast. Dieser Mann ist wirklich
Shen Qiao!“
Er blickte ungläubig auf den schwer verletzten Mann zurück, der dem Tode
so nahe war ‒ Shen Qiao. „Qi Fengges Fähigkeiten waren die besten der Welt.
Shen Qiao war sein persönlicher Schüler, und er stieg auf, um den Xuandu-Berg
anzuführen. Wie konnte er nur so dermaßen verlieren?“
Yu Shengyan hockte sich vor Shen Qiao und runzelte die Stirn. „Können Kunyues
Kampfkünste so gewachsen sein, dass sie sogar die seines Meisters Hulugu
übertreffen?“
Wenn eine andere Person vom Xuandu-Berg gefallen wäre, würde Yan Wushi
ihr nicht einmal einen zweiten Blick zuwerfen. Aber Shen Qiao, Shen-Zhangijao, war ein
Sonderfall. Er warf Yu Shengyan das Schwert Shanhe Tongbei zu und betrachtete
dann für einen weiteren Moment Shen Qiaos unkenntliche Miene. Schließlich
schlich sich ein rätselhaftes Lächeln über Yan Wushis Gesicht. „Nimm zuerst die
Wiederbelebungspille heraus und gib sie ihm."
Erklärungen:
Xiantian-Experten: 先天高手. Mächtige
Kampfkünstler, die durch intensives Training und Kultivierung den Zustand Xiantian
oder ‘früher Himmel‘ erreicht haben. (Ein Beispiel für das Konzept von Xiantian
findest du im Eintrag zu Daoismus im Kapitel ‘Historischer Zeitraum und Andere wichtige
Konzepte‘.)
Shizun ist eine
geschlechtsneutrale Anrede für einen Meister in der eigenen Sekte und bedeutete
so viel wie Lehrer/Meister. Die wörtliche Bedeutung ist ‘verehrter/ehrwürdiger
Meister‘ und somit eine respektvollere Anrede.
Persönlicher
Schüler: Auch als Hausschüler bezeichnet, ist ein Schüler, der eine sehr enge
Beziehung zu seinem Meister hat und auserwählt ist, von ihm persönlich
unterrichtet zu werden. Normalerweise gibt der Meister alles, was er weiß, auch
an seine persönlichen Schüler weiter.
Abgeschiedenheit, 闭关. Auch als ‘Kultivierung
hinter verschlossenen Türen‘ bekannt. Abgeschiedenheit ist, wenn sich der
Kampfkünstler vom Rest der Welt isoliert, um seine innere Kultivierung voranzutreiben,
um Verletzungen zu heilen, oder seine Kampfkünste auf die nächste Stufe zu
bringen.
Der König der Linken ist
ein hohes Amt der Xiongnu, ein Titel, der auch als ‘der linke würdige Fürst‘
bekannt ist, was der Ausdruck ist von chinesischen Analysten in Bezug auf das
osttürkische Khaganat. Der Titel König der Linken bezieht sich auf sein
Regierungsgebiet: den Osten. Für mehr Infos siehe im Glossar nach.
Kaiser von Qi: Das Qi
bezieht sich auf die Nördliche Qi-Dynastie, eine der Nördlichen Dynastien,
während der Zeit der Südlichen und Nördlichen Dynastien in der chinesischen
Geschichte.
Ein Zenmeister oder eine
Zenmeisterin ist im Zen-Buddhismus jemand, der oder die eine tiefe Einsicht in
die Dharma-Lehre erlangt hat und von einem bestehenden Zenmeister oder einer
Zenmeisterin als qualifiziert erachtet wird, andere in der Zen-Praxis zu leiten
und zu unterrichten.
Weise, 智者, zhizhe. Eine Ehrung für hochrangige Mönche des tibetischen Buddhismus.
Tuyuhun, 吐谷浑: Ein mächtiges
Königreich, das von eurasischen Nomaden, die mit den Xianbei verwandt waren, im
Qilian-Gebirge und im oberen Tal des Gelben Flusses gegründet wurde.
Jianghu,
江湖. Wörtlich ‘Flüsse und Seen‘,
beschreibt die Jianghu-Gesellschaft die größere Untergrundgesellschaft von
Kampfkünstlern, die sich über die Umgebung erstrecken. Ihre Mitglieder
verwalten sich selbst und regeln Probleme untereinander auf der Grundlage von
Stärke und Ehre, obwohl dies möglicherweise nicht der Fall ist, hindern sie
auch daran, Einfluss auf die konventionelle Gemeinschaft auszuüben.
Shixiong, 师兄. Wörtlich ‘älterer Kriegsbruder‘. Wird von den
Sprechenden verwendet, um einen männlichen älteren Mitschüler respektvoll
anzusprechen, mit dem sie den gleichen Meister oder die gleiche Sekte teilen.
Siegelschrift, 篆体. Ein uralter Stil zum Schreiben chinesischer Schriftzeichen, der in der
zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus verbreitet war und ursprünglich
aus der Schrift der Zhou-Dynastie hervorgegangen ist. Nun wird sie häufig
verwendet und erscheint nur noch in dekorativen Gravuren und Siegeln.
Shanhe Tongbei, 山河同悲. ‘Auch die Herbste und Flüsse trauern‘. Wird als Klage
über eine Tragödie verwendet.
Zhangjiao (掌教), Sektenanführer. Bezieht sich auf den Sektenanführer. Kann allein verwendet werden oder an einen Familiennamen angehängt werden. Wird aber nur bei daoistischen Sekten verwendet.
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Hallo! Erst einmal finde ich es total klasse, dass ihr Thousand Autumns übersetzt. Ich liebe diese Geschichte und ich freu mich total sie auf deutsch lesen zu können. Aber: Es ist fast unmöglich diese helle Schrift auf hellem Hintergrund auf dem Laptop zu lesen. Deshalb bitte ich euch die Schriftfarbe zu ändern. Vielen Dank im voraus und vielen, vielen Dank, dass ihr euch die ganze Arbeit macht. Ich bin schon gespannt auf die kommenden Kapitel.
AntwortenLöschenOh, Mist. Dann muss ich das mal ändern und etwas mit der Schriftfarbe herum experimentieren. Mal schauen was daraus wird. Tja, die Arbeit hört nie auf. XD (SEUFZ.....)
LöschenThousand Autumns wird noch sehr spannend und schön werden und natürlich detailreicher, als der Donghua. Aber das ist ja kein Wunder. :) Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und bis zum Nächsten Mal.
Eine kurze Frage, wie hast du hier hergefunden? Über Fanfiktion.de? Über eine Empfehlung? Oder per Zufall? Mich interessiert das nur, du musst das natürlich nicht beantworten.
Ich habe gerade Angefangen, diese Geschichte zu lesen und bin schon sehr gespannt wo die Reise hingeht. Vielen Dank für die Übersetzung. :-)
AntwortenLöschenLG Ness
Die Reise wird sehr humorvoll und voller Spannung werden. Ich liebe Thousand Autumns und die Arten wie Yan Wushi Shen Qiao testet und Shen Qiao versucht seinen Weg zu gehen damit umzugehen. Generell sind die besten Kapitel die zwischen Shen Qiao und Yan Wushi. XD
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